Kategorie: Gesundheit

Kognitive Beeinträchtigungen bereits nach leichter Covid-Erkrankung – Können wir endlich über Lufthygiene in Innenräumen sprechen?

Bereits nach asymptomatischer oder leichter Covid-Erkrankung kommt es zu kognitiven Beeinträchtigungen. Dies zeigt eine Studie des Imperial College London. Betroffen sind unter anderem Gedächtnis, verbale Intelligenz und räumliches Denken. Long Covid-Betroffene haben die größten Einbußen zu verzeichnen.

Ob Forderungen nach Aufarbeitung der Eindämmungsmaßnahmen während der Pandemie oder „Corona ist vorbei!“-Rufe gegenüber Personen, die noch Masken tragen müssen oder wollen: Man kann sich dieser Tage des Eindrucks nicht erwehren, Deutschland sei nun definitiv in der nachpandemischen Realität angelangt. Konsequenterweise werden auch Maßnahmen zur Raumlufthygiene nun zurückgefahren. HEPA-Filter in Bildungseinrichtungen – wo es sie denn überhaupt gab – ereilt nun zumeist eins der folgenden Schicksale:

  • Verschrottung
  • Lagerung „bis zur nächsten Pandemie“
  • Mangelnde Wartung
  • Einsatzverbot.

Ist nichts davon der Fall, so werden sie oft schlichtweg nicht mehr beachtet. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sollen die schwierige Zeit der Pandemie schließlich vergessen. Lufthygiene würde dabei nur stören. Oder?

Studie zeigt kognitive Beeinträchtigungen nach Covid-19-Erkrankung

SARS-CoV-2, das an der Pandemie schuldige Virus, beeindrucken unsere Befindlichkeiten freilich nicht: Das Abwassermonitoring des RKI zeigte weitestgehend unbeachtet einen nie dagewesenen Höhepunkt der Abwasserbelastung mit SARS-CoV-2 im Dezember 2023. Derweil rätselte man in Deutschland über die Ursache von Personalausfällen. Dabei sollten wir dem Virus auch heute Beachtung schenken, führen doch bereits leichte Covid-Erkrankungen zum Abbau kognitiver Fähigkeiten, wie die Studie eines Teams um Adam Hampshire von der Medizinischen Fakultät des Imperial College London zeigt. Diese ist nun im New England Journal of Medicine erschienen.

Speziell Menschen mit längerfristigen Beeinträchtigungen nach einer Covid-Erkrankung berichten häufig von Konzentrationsproblemen, Wortfindungsstörungen und ähnlichen Symptomen, die auf einen Abbau kognitiver Fähigkeiten, also eine Beeinträchtigung der eigentlich vorhandenen Intelligenz, schließen lassen. Bei ihrer Studie erhoben die Forschenden daher Daten mit Hilfe des Cognitron-Tests, einem Intelligenztest, der verbales und non-verbales logisches Denken und Planen sowie das Arbeitsgedächtnis misst. Mehr als 140.000 Menschen nahmen an der Studie teil, fast 113.000 bearbeiteten alle Aufgaben.

Da es den Forscher:innen vor allem darum ging herauszufinden, ob kognitive Beeinträchtigungen von der Länge und Schwere der Covid-Erkrankung abhängen, wurden die Teilnehmenden den folgenen Gruppen zugeordnet:

  • Nicht mit Covid infiziert
  • Mit Covid infiziert, jedoch ohne Symptome
  • Mit Covid infiziert und Symptomen, die nach weniger als vier Wochen abgeklungen waren
  • Mit Covid infiziert und Symptomen, die nach vier bis zwölf Wochen abgeklungen waren
  • Mit Covid infiziert und Symptomen, die nach mehr als zwölf Wochen abgeklungen waren
  • Mit Covid infiziert und Symptomen, die mehr als zwölf Wochen lang nicht verschwanden und zum Zeitpunkt der Messung noch immer andauerten („Long Covid“).

Frühe Virus-Varianten waren schädlicher als spätere

Der Tatsache, dass sich das Virus während des Zeitraums der Datenerhebung  immer wieder veränderte, trug die Studie Rechnung, indem man die Teilnehmenden in Gruppen einteilte, die der zum Zeitpunkt der Infektion vorherrschenden Variante entsprachen:

  • Wildtyp: bis 30.11.2020
  • Alpha (B.1.1.7.): 01.12.2020 bis 30.04.2021
  • Delta (B.1.617.2): 01.05.2021 bis 15.12.2021
  • Omikron (B.1.1.529): 16.12.2021 bis 31.03.2022, dem Ende der Datenerhebung.

Die gute Nachricht zuerst: Mit dem Übergang zur Delta- und schließlich Omikron-Variante ging auch der Abbau der kognitiven Fähigkeiten zurück. Waren es beim Wildtyp noch 0.32 Standardabweichungen (standard deviations, SD), so sind es bei Omikron nur noch 0.16, also die Hälfte.

Ergebnisse lassen sich in IQ-Punkte umrechnen

Standardabweichungen kommen zum Beispiel bei Intelligenztests zum Einsatz und werden für die Aufteilung der Ergebnisskalen verwandt. Die IQ-Skala definiert sich über einen mittleren Wert von 100 und eine Standardabweichung von 15 IQ-Punkten. Geht man also vom Mittelwert aus je 15 Punkte nach links und nach rechts, so definiert dies den Bereich der Intelligenz, der als „durchschnittlich“ bezeichnet wird. Durchschnittliche Intelligenz ist also der Bereich zwischen einem IQ von 85 und 115. Hier liegen etwas mehr als 68 % der Bevölkerung. Werte unter 85 sind unterdurchschnittlich, Werte über 115 überdurchschnittlich.

Ein Verlust von 0,32 SD beim Wildtyp bedeutet demzufolge einen Rückgang der kognitiven Fähigkeiten, der 4,8 IQ-Punkten entspricht. Bei Omikron ist noch mit einem Rückgang von 2,4 IQ-Punkten zu rechnen.

Rückgang kognitiver Fähigkeiten bei allen Schweregraden der Erkrankung

Ein Rückgang der kognitiven Fähigkeiten ist bereits bei asymptomatisch Infizierten zu beobachten (s. Abb. 1). Hier ist mit einem Verlust zu rechnen, der etwa 2,6 IQ-Punkten entspricht. Bei symptomatisch Infizierten sind die Rückgänge ähnlich, ganz gleich, wie lange die Symptome anhielten: Die Forscher:innen beobachteten einen Rückgang zwischen 3,5 und 3,9 IQ-Punkten. Mit einem größeren Problem sind diejenigen Menschen konfrontiert, die von Long Covid betroffen sind: Die häufig berichteten Probleme mit logischem Denken, Wortfindung und Gedächtnis sind mit einem Verlust von etwa 6,3 IQ-Punkten gleichzusetzen.

Grafik zeigt den Abbau kognitiver Fähigkeiten bei Covid-19-Erkrankungen unterschiedlicher Länge und Schwere.
Abb. 1: Abbau kognitiver Fähigkeiten in Abhängigkeit von Länge und Schwere der Covid-19-Erkrankung

Besonders stark ist dabei das Gedächtnis betroffen (s. Abb. 2). Zwar trifft dies grundsätzlich auf alle Covid-Infizierten zu, jedoch müssen Long Covid-Betroffene mit den stärksten Einbußen beim unmittelbaren und mittelfristigen Gedächtnis zurechtkommen.

Grafik zeigt den Abbau kognitiver Fähigkeiten in Bezug auf unmittelbares und mittelfristiges Gedächtnis nach Covid-19-Erkrankungen unterschiedlicher Länge und Schwere
Abb. 2: Abbau kognitiver Fähigkeiten nach Covid-19-Erkrankungen – Unmittelbares und mittelfristiges Gedächtnis

Auch im Bereich der verbalen Intelligenz sind alle Infizierten betroffen (s. Abb. 3). Während die Verluste bei asymptomatischen Infizierten und Patienten, deren Symptome wieder verschwanden, ähnlich sind, verzeichnen Long Covid-Betroffene die größten Rückgänge sowohl bei Wortdefinitionen als auch bei sprachlogischem Denken, welches auf Analogien basiert.

Grafik zeigt den Abbau kognitiver Fähigkeiten in Bezug auf verbale Intelligenz nach Covid-19-Erkrankungen unterschiedlicher Länge und Schwere
Abb. 3: Abbau kognitiver Fähigkeiten nach Covid-19-Erkrankung – Verbale Intelligenz

Auch das räumliche Planen ist in allen Gruppen beeinträchtigt (s. Abb. 4). Auch hier sind Long Covid-Betroffene diejenigen, die mit den stärksten Rückgängen leben müssen, wobei jedoch auch hier alle Gruppen von Infizierten betroffen sind.

Grafik zeigt den Abbau kognitiver Fähigkeiten in Bezug auf räumliches Planen nach Covid-19-Erkrankungen unterschiedlicher Länge und Schwere
Abb. 4: Abbau kognitiver Fähigkeiten nach Covid-19-Erkrankung – Räumliches Planen

Bildungseinrichtungen müssen kognitive Fähigkeiten Lernender erhalten

Was bedeutet dies nun für Bildungseinrichtungen? Schulen schreiben sich auf die Fahnen, Lernende gemäß ihren kognitiven Voraussetzungen bestmöglich fördern zu wollen. Dazu gehört auch, dass kognitive Fähigkeiten nicht wissentlich gefährdet werden dürfen. Es gilt also weiterhin, Covid-Infektionen zu vermeiden, wo immer dies möglich ist.

Bradford in Großbritannien hat gezeigt, wie es geht: Durch den Einsatz von HEPA-Filtern ging die Zahl der Covid-Infektionen unter Schüler:innen dort um mehr als 20 % zurück. Auch Unterrichtsausfall durch erkrankte Lehrkräfte lässt sich auf diese Weise vermeiden. Somit können auch Long Covid-Fälle unter Lehrenden reduziert werden. Unterrichtsqualität wird dann erhalten, denn Beeinträchtigungen der kognitiven Leistungsfähigkeit führen zu veränderter Unterrichtsgestaltung und erhöhter psychischer Belastung von Lehrkräften.

Raumlufthygiene muss eine Selbstverständlichkeit sein, wenn wir die Leistungsfähigkeit der aktuellen und künftigen Erwerbstätigen erhalten wollen.

Hampshire, A., A. Azor, C. Atchison, W. Trender, P.J. Hellyer, V. Giunchiglia,
M. Husain, G.S. Cooke, E. Cooper, A. Lound, C.A. Donnelly, M. Chadeau‑Hyam,
H. Ward & P. Elliott (2024). Cognition and memory after Covid-19 in a large community sample. The New England Journal of Medicine, 390(9).

Burnout und körperliche Erkrankungen hängen zusammen: “Wir verlassen uns darauf, dass Lehrkräfte sich einen *** um sich selbst kümmern.”

Seit Jahren wird in den USA über ‚The Great Teacher Resignation‘, die große Lehrkräfteflucht, gesprochen. „Die Bildungskrise war schon lange vor Covid da“, sagt Anna Sutter, ehemalige Lehrerin und schulische Beraterin, in einem von der New York Times veröffentlichten Video-Kommentar von Agnes Walton und Nic Pollock. „Ich hielt 100 Bälle gleichzeitig in der Luft, hatte aber nur Kapazität für 25.“ Daten der OECD zeigen, dass bereits 2016 – also Jahre vor der Covid-Pandemie – ein beträchtlicher Teil der Lehrkräfte den Beruf verließ. Deutschland hingegen sieht sich noch immer gut gegen dieses Phänomen gewappnet. Deutsche Lehrkräfte sind doch gut bezahlt. Die meisten von ihnen sind fest angestellt, sogar verbeamtet. Was sollte sie denn belasten?

Doch wie andere Länder hat auch Deutschland einen Mangel an Lehrkräften zu verzeichnen. Einige Bundesländer haben sich eine Lösung einfallen lassen: Teilzeitmöglichkeiten – häufig von Lehrkräften gewählt, um psychische und physische Belastungen durch den Beruf zu reduzieren – wurden eingeschränkt. Dies wird teure Folgen haben, denn Burnout bei Lehrkräften hängt mit körperlichen Erkrankungen zusammen, wie eine Metastudie von Daniel J. Madigan, Lisa E. Kim, Hanna L. Glandorf und Owen Kavanagh von der York St. John University und der University of York, Großbritannien, zeigt.

Burnout bei Lehrkräften betrifft Länder auf der ganzen Welt

Burnout nennt man einen Zustand, der sich entwickelt, wenn ein Mensch chronischem arbeitsbedingtem Stress ausgesetzt ist. Die betroffene Person fühlt sich emotional erschöpft, reagiert möglicherweise mit Zynismus, und die Leidenschaft, die sie einst für ihren Beruf empfand, lässt nach. Sie fühlt sich weniger kompetent als früher. Infolgedessen hat sie den Eindruck, weniger leisten zu können.

Für ihre Untersuchung, wie Burnout mit körperlichen Erkrankungen bei Lehrkräften zusammenhängt, haben Madigan und seine Kolleg:innen 21 Studien mit insgesamt mehr als 5.000 Lehrkräften ausgewertet. Diese kamen aus Brasilien, Kanada, China, Deutschland, Luxemburg, Polen, Südafrika, der Slowakei, Spanien, der Ukraine und den USA. Fast 60 Prozent von ihnen waren weiblich. Im Durchschnitt waren sie 43,3 Jahre alt und unterrichteten seit 14,4 Jahren. In einigen Studien war Burnout eine kategoriale Variable, d. h. die Lehrkräfte wurden in zwei Gruppen eingeteilt, je nachdem, ob sie stärkere oder schwächere Burnout-Symptome aufwiesen. In anderen Studien wurde Burnout als Kontinuum mit abgestuften Werten dargestellt. Zur Messung der Burnout-Symptome verwendeten die meisten Studien das Maslach Burnout Inventory, welches drei Dimensionen umfasst:

  • Emotionale Erschöpfung (Gefühl emotionaler Überforderung, die durch den Arbeitsplatz verursacht wird)
  • Depersonalisierung (unpersönliche und scheinbar gefühllose Reaktion auf Beruf und Schüler:innen)
  • Persönliche Leistung (Gefühl von Kompetenz und Erfolg).

Burnout hängt mit einer Vielzahl körperlicher Erkrankungen zusammen

Wie bei anderen Berufen steht Burnout auch bei Lehrkräften in Zusammenhang mit einer Vielzahl körperlicher Beschwerden. Lehrkräfte mit schwereren Burnout-Symptomen leiden häufig unter Kopfschmerzen, teils auch Migräne. Sie haben Rückenschmerzen, Hauterkrankungen und Beschwerden des Verdauungstrakts. Eine davon kann Gastroenteritis sein, eine Entzündung des Magens und/oder des Darms. Ein Problem, unter dem Lehrkräfte häufiger als die meisten anderen Berufsgruppen leiden, betrifft ihre Stimme. Bei einigen kann es zum vollständigen Stimmverlust kommen. Auch leiden Lehrkräfte unter craniomandibulärer Dysfunktion (CMD), einer Störung der Kiefermuskulatur, die zu Schwierigkeiten beim Sprechen und Essen, zu Schmerzen, Tinnitus und Schwindel führen kann.

Auch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems stehen mit Burnout bei Lehrkräften in Zusammenhang. So wurde Burnout mit höherer Aktivität des Sympathikus in Verbindung gebracht. Dieser ist für die Erhöhung der Herzfrequenz in Stresssituationen verantwortlich. Lehrkräfte mit Burnout-Symptomen wiesen also eine erhöhte Herzfrequenz auf. Andererseits stand Burnout in einem negativen Zusammenhang mit der Aktivität des Parasympathikus, der für die Kontrolle der Herzfrequenz in Ruhezeiten verantwortlich ist. Ruhe und Erholung funktionierten bei Lehrkräften mit Burnout-Symptomen also weniger gut.

Körperliche Erkrankungen bei Lehrkräften mit starken Burnout-Symptomen
Körperliche Erkrankungen bei Lehrkräften mit starken Burnout-Symptomen

Burnout bei Lehrkräften wirkt sich auf ihren Cortisolspiegel aus. Cortisol ist ein Hormon, das beim gesunden Menschen seine Reaktionen auf Stress, den Blutdruck, Blutzucker und den Stoffwechsel reguliert. Chronischer Stress kann zwei verschiedene Auswirkungen auf den Cortisolspiegel haben. Zunächst ist dieser erhöht, da der Körper um die Regulation seiner Stressreaktionen kämpft. Je länger dies jedoch andauert, desto weniger Cortisol wird produziert, und der Cortisolspiegel sinkt unter den bei gesunden Menschen üblichen Wert. Es ist daher nicht überraschend, dass Burnout bei Lehrkräften sowohl mit über- als auch mit unterdurchschnittlichen Cortisolwerten in Verbindung gebracht wurde.

Burnout beeinflusst auch Zytokine. Zytokine sind Proteine, die als Botenstoffe zwischen den Zellen des Immunsystems fungieren. Sie sind für die Reaktion des Körpers auf Infektionen, Entzündungen und auch Krebs verantwortlich. Lehrkräfte mit starken Burnout-Symptomen zeigten schwächere entzündungshemmende und stärkere entzündungsfördernde Reaktionen. In anderen Worten: Ihr Körper bekämpft Krankheiten nicht nur weniger gut, sondern trägt sogar zur Entwicklung neuer entzündlicher Erkrankungen bei.

Wege in die körperliche Krankheit: Immunsystem, Stressreaktion, ungesundes Verhalten

Die Forscher:innen nehmen drei verschiedene Verbindungen zwischen Burnout und körperlicher Erkrankung an. Einerseits kann Stress dazu führen, dass das Immunsystem einer Person geschwächt wird. Darüber hinaus ist der Körper nicht mehr in der Lage, auf Stress in angemessener Weise zu reagieren. Nicht zuletzt kann chronischer Stress dazu führen, dass eine Person mehr ungesunde Verhaltensweisen an den Tag legt, als sie dies normalerweise tun würde. Dies betrifft beispielsweise Tabak- und Alkoholkonsum, die wiederum zu gesundheitlichen Problemen führen.

Es überrascht nicht, dass Burnout und die damit verbundenen körperlichen Erkrankungen das persönliche Leben von Lehrkräften in vielfältiger Weise beeinträchtigen. Sie beeinflussen Stimmung, allgemeine Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit und führen so zu langfristigen physischen und psychischen Erkrankungen. Zu den zwischenmenschlichen Folgen zählen Konflikte, Reizbarkeit und eine verminderte Kommunikationsfähigkeit. Vor allem letztere wirkt sich auch auf die Qualität des Unterrichts und das Wohlbefinden der Schüler:innen aus.

Wenn wir Burnout bei Lehrkräften ignorieren, werden wir dafür einen hohen Preis zahlen

Die Forscher:innen betonen, dass ein größeres Bewusstsein für die Folgen von Burnout bei Lehrkräften notwendig ist. Als mögliche Interventionen nennen sie Achtsamkeit und Programme, die auf kognitiv-verhaltenstherapeutischem, sozialem und emotionalem Lernen basieren. Sie fügen jedoch hinzu, dass auch auf organisatorischer Ebene Änderungen erforderlich sind: „Angesichts der potenziellen Kosten, die Burnout für die körperliche Gesundheit und damit verbundene Probleme mit sich bringt, ist es wahrscheinlich, dass der Nutzen von Interventionen erheblich ist und möglicherweise die Kosten übersteigt.“

Dennoch scheinen nur wenige Länder diesen Ansatz ernsthaft in Betracht zu ziehen. „Wir verlassen uns darauf, dass Lehrkräfte sich einen *** um sich selbst kümmern“, sagt Anna Sutter. „Wir verlassen uns darauf, dass Lehrkräfte nicht für sich selbst sorgen. Wir verlassen uns darauf, dass Lehrkräfte ihren Wert nicht kennen und nicht wissen, wie sie es verdienen würden, behandelt zu werden.“ Diese Ignoranz wird einen hohen Preis haben.

Madigan, D. J., L. E. Kim, H. L. Glandorf & O. Kavanagh (2023). Teacher burnout and physical health: A systematic review. International Journal of Educational Research, 119, 102173.

Psychische Gesundheit von Lehrkräften deutlich schlechter als in der Gesamtbevölkerung

Eine am Universitätsklinikum Freiburg durchgeführte Studie stellt fest, dass die psychische Gesundheit von Lehrkräften in Baden-Württemberg deutlich schlechter ist als die der Gesamtbevölkerung. Die Folgerung der Forscher:innen lautet: Bessere Erhebung von Risiken und zielführende Angebote zum Erhalt der psychischen Gesundheit von Lehrkräften.

Eigentlich suchten sie nach einem geeigneten Instrument zur Untersuchung der psychischen Gesundheit von Lehrkräften. Was sie jedoch fanden, ging weit darüber hinaus: Lehrkräfte sind psychisch deutlich mehr belastet als die Gesamtbevölkerung in Deutschland. Dies äußert sich beispielsweise in einem dauerhaften Empfinden von Druck, Freudlosigkeit und fehlender Lebenszufriedenheit, wie eine Studie von Sarah Susanne Lütke Lanfer, Ruth Pfeifer, Claas Lahmann und Alexander Wünsch zeigt.

Datenerhebung zu psychischer Gesundheit braucht passende Werkzeuge

Aus vorangegangenen Studien in verschiedenen Ländern war bereits bekannt, dass sich Lehrkräfte durch Arbeitspensum, Verwaltungsaufgaben, nicht ausreichende Pausenzeiten sowie negative Erfahrungen mit Lernenden, Eltern und Kolleg:innen belastet fühlen. Mangelnde psychische Gesundheit führt dabei nicht nur zu Ausfällen, sondern auch zu einem Abfallen der Bildungs- und Beziehungsqualität. Die Forscher:innen haben daher das Freiburger Modell für Lehrer-Coaching entwickelt, in dem soziale Unterstützung, das Überdenken eigener Muster bei der Bewältigung von Herausforderungen, das Erlernen von Entspannungstechniken sowie Wissen über neurowissenschaftliche Aspekte im Mittelpunkt stehen. Um den Erfolg bei der Vorbeugung psychischer Erkrankungen sinnvoll messen zu können, überprüften die Wissenschaftler:innen, ob der General Health Questionnaire-12 (GHQ-12), ein Fragebogen mit zwölf Fragen zur psychischen Gesundheit, auch für Lehrkräfte geeignet ist.

Repräsentative Stichproben für Gesamtbevölkerung und Lehrkräfte

GHQ-12 ist in verschiedene Sprachen übersetzt worden und wurde auch für Deutschland bereits 2013 von Matthias Romppel, Elmar Braehler, Marcus Roth und Heide Glaesmer überprüft. Mehr als 3000 Menschen zwischen 14 und 93 Jahren nahmen damals an ihrer Studie teil. So entstand eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung in Deutschland. An der Studie der Gruppe um Lütke Lanfer hingegen nahmen zwischen 2012 und 2020 etwa 4000 Lehrkräfte aus dem Freiburger Coaching-Programm teil, mehr als 80 % davon weiblich. Auch verschiedene Altersgruppen, Schularten und Lebenssituationen sind vertreten. Damit ist die Stichprobe zwar nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, wohl aber für Lehrkräfte. Ein Vergleich der psychischen Gesundheit von Lehrkräften mit der der Gesamtbevölkerung ist damit möglich und sinnvoll.

Erhöhtes Risiko für emotionale Erschöpfung, Depression und Burnout

GHQ-12 erhebt Werte zu psychischer Gesundheit durch Selbsteinschätzung auf einer Skala von 0 bis 3. 0 steht dabei für die geringste psychische Belastung, 3 für die höchste. Vergleicht man die Werte von Lehrkräften mit denen der Gesamtbevölkerung, so fällt auf, dass Lehrkräfte in fast allen Bereichen stärker belastet sind (s. Abbildung):

  • Lehrkräfte haben stärker das Gefühl, dauerhaft unter Druck zu stehen.
  • Sie gehen ihren Alltagsverpflichtungen mit weniger Freude nach.
  • Insgesamt fühlen sie sich weniger zufrieden.
  • Sie können sich weniger gut auf das, was sie tun, konzentrieren.
  • Aufgrund von Sorgen schlafen sie weniger.
  • Sie fühlen sich häufiger unglücklich und deprimiert.
  • Sie haben den Eindruck, mit Schwierigkeiten schlechter zurechtzukommen.
  • Sie haben häufiger das Gefühl, nutzlos zu sein.
  • Es fällt ihnen schwerer, Entscheidungen zu treffen.

Damit haben Lehrkräfte ein höheres Risiko für emotionale Erschöpfung, psychische Erkrankungen und Burnout. Ältere Lehrkräfte sind dabei belasteter als jüngere. Andererseits gelingt es Lehrkräften jedoch besser, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen, und es kommt seltener vor, dass sie sich wertlos fühlen. Mangelndes Selbstvertrauen ist bei Lehrkräften etwa ebenso häufig wie in der Gesamtbevölkerung.

Balkendiagramm zu Unterschieden zwischen Lehrkräften und Gesamtbevölkerung
Psychische Gesundheit bei Lehrkräften und in der Gesamtbevölkerung: Vergleich von Daten aus Romppel et al. (2013) und Lütke Lanfer et al. (2022); Unterschiede wurden nicht auf statistische Signifikanz getestet

Forscher:innen empfehlen strukturelle Prävention

Die Forscher:innen leiten aus den Daten die folgenden Empfehlungen ab:

  • Die psychische Gesundheit von Lehrkräften sollte engmaschig überprüft werden, um zu erkennen, welche Zeiten die belastendsten sind.
  • Lehrkräften oder Lehrkräftegruppen mit besonders hohen Belastungen sollte die Teilnahme an Präventionsprogrammen angeboten und ermöglicht werden.
  • Strukturell müssen Wege gefunden werden, um die psychische Gesundheit von Lehrkräften zu fördern und Stress abzubauen.

Fallstricke bei der Umsetzung im Alltag

Doch wie können diese Vorschläge der Forscher:innen im Alltag umgesetzt werden? Hier gibt es ist einiges zu beachten:

  • Es ist leider oft nicht im Interesse der Lehrkräfte, dass vorgesetzte Stellen über das Vorliegen psychischer Belastungen informiert werden. Es muss daher sichergestellt sein, dass die Erhebungen vollständig anonymisiert werden und auch Hilfe im anonymisierten Rahmen angeboten wird.
  • Wenn Lehrkräfte Hilfsangebote auf der Grundlage vorangegangener Erhebungen in Anspruch nehmen, so führt dies möglicherweise zu Stigmatisierung: Die Anonymisierung wäre aufgehoben. Sinnvoller wäre, allen Lehrkräften Präventionsprogramme anzubieten, und zwar im Rahmen der Arbeitszeit. Supervision, Intervision und Präventionsprogramme müssen Bestandteil des Alltags von Lehrkräften werden – und zwar unabhängig von akuter psychischer Belastung.
  • Notwendige strukturelle Veränderungen betreffen viele Bereiche, die ein Risiko für die psychische Gesundheit darstellen: Anzahl der Arbeitsstunden, Arbeitsverdichtung durch immer mehr unterrichtsfremde Tätigkeiten, Zahl der Kontakte durch größer werdende Klassen, mangelnde Selbstbestimmung.

Vor allem jedoch muss anerkannt werden, dass Lehrkräfte über ein normales Maß hinaus psychisch belastet sind. Einer belasteten Lehrkraft kann damit klar werden, dass sie keine Ausnahme bildet. Es wäre schön, wenn sich diese Erkenntnis in Kollegien durchsetzen und zu einem offeneren Diskurs führen würde.

Lütke Lanfer, S. S., R. Pfeifer, C. Lahmann & A. Wünsch (2022). How to measure the mental health of teachers? Psychometric properties of the GHQ-12 in a large sample of German teachers. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(15), 9708.

Romppel, M., E. Braehler, M. Roth & H. Glaesmer (2013). What is the General Health Questionnaire-12 assessing? Dimensionality and psychometric properties of the General Health Questionnaire-12 in a large scale German population sample. Comprehensive Psychiatry, 54(4), 406-413.

Wenn der Schulbeginn zur Belastung wird: Schulen benötigen nach den Ferien mehr Suizidprävention

Der folgende Text fasst eine Studie zu Jugendsuiziden zusammen.
Falls Sie Suizidgedanken haben oder jemanden kennen, der Suizidgedanken hat, bitte kontaktieren Sie einen Krisendienst:
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222
Nummer gegen Kummer: 116 111 (Kinder und Jugendliche), 0800 111 0 550 (Elterntelefon)

Ein deutsch-kanadisches Forschungsteam hat gezeigt, dass es in Deutschland während der Schulferien weniger Suizide unter Jugendlichen gibt als während der Schulzeit. Umgekehrt nehmen sich mehr Schülerinnen und Schüler das Leben, wenn die Schule wieder beginnt. Dies trifft nicht nur auf die Sommerferien, sondern auf alle Schulferien zu. Jungen und junge Männer sind dabei am stärksten betroffen.

In sozialen Medien werden vor Weihnachten regelmäßig die Kontaktdaten von Krisendiensten gepostet. Weihnachten 2023 war dabei keine Ausnahme. Doch obwohl wir heute mehr als früher über psychische Gesundheit sprechen, wird insbesondere der Suizidprävention, also allen Maßnahmen, die helfen könnten, Suizide zu verhindern, oft keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es kann unangenehm sein, über Suizid zu sprechen. Vielleicht ist dies der Grund, warum wir als Gesellschaft meist übersehen, dass es während der Weihnachtstage nicht zu einem Anstieg der Suizidzahlen kommt. Im Gegensatz zu Neujahr, wo die Zahl der Suizidversuche und Todesfälle durch Suizid ansteigt. Dennoch gibt es für diesen Tag – oder auch für andere Feiertage – selten ähnliche Hinweise wie an Weihnachten. Ein kanadisch-deutsches Team von Gesundheitsökonom:innen hat Suizidraten unter Kindern und Jugendlichen untersucht und ist bezüglich Ferien- und Feiertagen zu einem deutlichen Ergebnis gelangt.

Weniger Suizide während der Schulferien, mehr Suizide bei Schulbeginn

Vincent Chandler (Université du Québec en Outaouais, Kanada), Dörte Heger und Christiane Wuckel (beide Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen) haben die Auswirkungen von Schulferien auf die Suizidzahlen bei Jugendlichen in Deutschland zwischen 2001 und 2015 untersucht. Dabei stellten sie fest, dass während der Schulferien weniger Kinder und Jugendliche im Schulalter durch Suizid verstarben. Umgekehrt nahmen sich mehr junge Menschen das Leben, wenn die Schule wieder begann. Jungen und junge Männer sind dabei stärker gefährdet als Mädchen und junge Frauen, wie der Artikel der Wissenschaftler:innen im Economics of Education Review zeigt. Der Artikel trägt passenderweise den Titel „The perils of returning to school“ – die Risiken des Schulbeginns.

Die föderale Struktur des deutschen Bildungssystems erlaubt viele Rückschlüsse

Ein Anstieg von Suizidzahlen nach den Schulferien wurde bereits in mehreren früheren Studien festgestellt. Diese beschränkten sich jedoch meist auf die Sommerferien. Dies bedeutet, dass wir nicht genau wissen, was der Auslöser für Suizide nach den Sommerferien ist. Ist es tatsächlich das Ende der Ferien und der Beginn eines neuen Schuljahres? Oder ist es das Ende des Sommers, also weniger Tageslicht und weniger Aktivitäten im Freien?

Die deutschen Bundesländer beginnen ihre etwa sechswöchigen Sommerferien nach einem gestaffelten System: 2023 beispielsweise begannen die Ferien in Nordrhein-Westfalen am 22. Juni und die Schule begann wieder am 7. August. Bayrische Kinder und Jugendliche hingegen starteten erst am 31. Juli in die Ferien und kehrten erst am 12. September in die Schulen zurück. Dementsprechend sind keine einheitlichen saisonalen Effekte zu erwarten. Hinzu kommen die ein- bis zweiwöchigen Herbst-, Weihnachts-, Winter-, Oster- und Pfingstferien. Wenn die Rückkehr in die Schule die Zahl der Suizide also tatsächlich erhöht, so sollte dieser Effekt nach allen Ferien beobachtbar sein.

Forscher:innen entnahmen Daten der offiziellen Todesursachenstatistik

Chandler, Heger und Wuckel entnahmen ihre Daten der deutschen Todesursachenstatistik, in der Todesursachen gemäß der internationalen Klassifikation ICD-10 aufgeführt sind. Das Alter der einbezogenen Kinder und Jugendlichen reichte von sechs bis neunzehn Jahren. Als grundlegende Maßeinheit wählten die Forscher die Wahrscheinlichkeit eines Jugendsuizids an einem Tag in einem Bundesland. Kamen beispielsweise am 10. Mai 2007 ein oder mehrere Suizide in Bayern vor, bewerteten sie diesen Tag für Bayern mit dem Wert „1“. Kam es zu keinem Suizid, so wurde der Tag mit „0“ kodiert. Zusätzlich wurden Daten zu den folgenden Aspekten erhoben:

  • Geschlecht
  • Schulferienart (Herbst, Weihnachten, Winter, Ostern, Pfingsten, Sommer)
  • Übergangszeiten (letzte Tage der Ferien oder Schulzeit, erste Tage der Ferien oder Schulzeit)
  • Wetter (Sonnenscheindauer und Niederschlagsmenge im fraglichen Monat und Bundesland)
  • Wirtschaftliche Faktoren (Arbeitslosenquote im fraglichen Monat und Bundesland)
  • Jahr
  • Monat
  • Wochentag.

Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass Schwankungen in der Zahl der Jugendsuizide, die durch Ferien- oder Schulzeit erklärt wurden, in der Realität nicht vollständig durch etwas anderes erklärt werden konnten.

Jugendsuizidrate sinkt am stärksten während der Pfingst-, Herbst- und Sommerferien

Laut Chandler, Heger und Wuckel beträgt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, dass es an einem beliebigen Tag in einem bestimmten Bundesland zu einem Jugendsuizid kommt, 3,77 %. Während der Schulferien ist diese Wahrscheinlichkeit geringer. Am auffälligsten ist der Rückgang in den Pfingstferien, wo die Wahrscheinlichkeit um 1,90 Prozentpunkte sinkt, d. h. in den Pfingstferien beträgt sie nicht mehr 3,77 %, sondern 1,87 %. In den Herbstferien liegt sie bei 2,82 %, in den Sommerferien bei 3,11 %. Die Ergebnisse für die Weihnachts-, Winter- und Osterferien folgen demselben Muster: Die Suizidrate sinkt auch in diesen Ferien. Diese Ergebnisse sind hier jedoch nicht signifikant. Dies bedeutet, dass nicht auszuschließen ist, dass dieser Rückgang auf einen Zufall zurückzuführen sind.

Das Diagramm stellt das Absinken der Suizidraten in allen Schulferien dar.
Abb. 1: Sinkende Wahrscheinlichkeit von Jugendsuiziden in den verschiedenen Ferien (Ergebnisse für Herbst-, Pfingst- und Sommerferien sind statistisch signifikant)

Die größte Gefahr geht vom Ferienende und der Rückkehr in die Schule aus

Schulferien kommen nicht plötzlich. Kinder und Jugendliche wissen sehr genau, wann sie beginnen, und ihr Stresspegel sinkt entsprechend. Daher nimmt die Zahl der Jugendsuizide bereits in den letzten beiden Schultagen vor den Ferien ab. Umgekehrt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich junge Menschen in den letzten beiden Ferientagen das Leben nehmen, um 0,46 Prozentpunkte. Statt den durchschnittlichen 3,77 % liegt die Wahrscheinlichkeit an diesen Tagen also bei 4,23 %. Doch es kommt noch schlimmer: An den ersten beiden Schultagen steigen die Zahlen auf 4,98 %. Verglichen mit der durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit von 3,77 % bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit von Jugendsuiziden an diesen Tagen um 32 % steigt.

Das Diagramm zeigt, dass Suizidraten unter Jugendlichen in den letzten beiden Tagen vor den Ferien und in den Ferien sinken, in den letzten beiden Tagen der Ferien und nach den Ferien jedoch ansteigen.
Abb. 2: Steigende und sinkende Wahrscheinlichkeit von Jugendsuiziden am Anfang und Ende der Schulferien (Ergebnis für die ersten zwei Schultage ist statistisch signifikant)

Stress und Leistungsangst machen sich bemerkbar

Was aber macht die Schulzeit so stressig, dass Jugendsuizide außerhalb der Ferien häufiger sind? Wie bei psychischen Problemen im Allgemeinen lassen sich Suizide unter Jugendlichen nicht auf einen einzigen Auslöser zurückführen. Die Forscher:innen vermuten jedoch, dass Stress und Leistungsangst in der Schule eine Rolle spielen. Erwartungen von Eltern und Lehrkräften könnten zu einem hohen Maß an Stress führen. Mobbing mag ein weiterer Faktor sein: In Deutschland geben immerhin 8,6 % der Schüler:innen an, bereits gemobbt worden zu sein.

Jungen und junge Männer haben ein erhöhtes Risiko

Den Daten der Forscher:innen zufolge (persönliche Kommunikation) treten Suizide bei Jungen und jungen Männern häufiger auf als bei Mädchen und jungen Frauen. Folglich ist der Rückgang der Suizidwahrscheinlichkeit während der Ferien bei Schülern etwa viermal so stark ausgeprägt wie bei Schülerinnen. Doch auch der Anstieg während der ersten beiden Schultage ist bei Jungen und jungen Männern stärker: Während die Zahlen bei Schülerinnen um 24,6 % steigen, sind es Schülern 36,5 %. Die Forscher:innen führen mehrere mögliche Gründe dafür an, dass Jungen und junge Männer stärker betroffen zu sein scheinen:

  • Schulen lassen männliche Jugendliche möglicherweise mehr im Stich als Mädchen und junge Frauen. In anderen Worten: Das Bildungssystem scheint für Jungen und junge Männer weniger geeignet zu sein.
  • Mädchen und junge Frauen verfügen möglicherweise über ein besseres soziales Netz, das ihnen hilft, Stress zu bewältigen.
  • Mobbing unter Mädchen findet häufig online statt. Der damit verbundene Stress könnte also auch während der Schulferien anhalten, so dass die Suizidrate mehr oder weniger gleich bleibt.
  • Weibliche Jugendliche zeigen statt eines Suizids möglicherweise andere selbstschädigende Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Selbstverletzungen oder Essstörungen.

Suizidprävention muss in Schulen dringend thematisiert werden

Die Ergebnisse von Chandler, Heger und Wuckel zeigen, dass wir mehr tun müssen, als Notrufnummern für Weihnachten auszugeben. Schulen und Bildungssysteme insgesamt müssen sich der psychischen Belastungen junger Menschen bewusst werden – zumal einige dieser Probleme in den Schulen selbst entstehen. Die Autor:innen der Studie schlagen beispielsweise die Einführung hybrider Lernformen vor, die bei bestimmten Schüler:innen Stress reduzieren können. Die Ausbildung von Lehrkräften muss sowohl psychische Gesundheit als auch explizit Informationen zur Suizidprävention umfassen.

Wir wissen vielleicht nicht immer, wer gefährdet ist – aber manchmal wissen wir es eben doch. Wir müssen unser Bewusstsein dafür schärfen, dass die ersten Schultage nach den Ferien die gefährlichste Zeit sind, was Suizide unter Jugendlichen betrifft. Nur wenn wir wissen, was vor sich geht, sind wir überhaupt in der Lage, suizidgefährdeten jungen Menschen Unterstützung zu bieten.

Chandler, V., D. Heger & C. Wuckel (2022). The perils of returning to school – New insights into the impact of school holidays on youth suicides. Economics of Education Review 86, 102205.